4 Bücher, die dich daran erinnern, wirklich zu leben

Über die Vergänglichkeit des Lebens, das Loslassen und die Frage, was wirklich zählt.

Wir wissen alle, dass unser Leben irgendwann zu Ende geht.

Und trotzdem leben wir meistens so, als hätten wir unendlich viel Zeit.

Wir planen unseren nächsten Urlaub, machen uns Gedanken über die Zukunft, arbeiten unsere To-do-Listen ab und verschieben Dinge, die uns eigentlich wichtig sind, auf irgendwann.

Irgendwann habe ich mehr Zeit.

Irgendwann mache ich diese Reise.

Irgendwann ändere ich etwas.

Irgendwann sage ich diesem Menschen, wie viel er mir bedeutet.

Aber was, wenn dieses Irgendwann gar nicht so selbstverständlich ist, wie wir glauben?

In den letzten Wochen beschäftige ich mich in meinen Yogaklassen viel mit Veränderung, Loslassen und Vergänglichkeit. Themen, die wunderbar zum Herbst passen, aber eigentlich das ganze Jahr über relevant sind.

Und dabei denke ich immer wieder an vier Bücher, die mich auf unterschiedliche Weise zum Nachdenken bringen.

Nicht, weil sie uns erklären, wie wir ein perfektes Leben führen sollen.

Sondern weil sie uns daran erinnern, dass wir überhaupt eines haben.


1. Meine letzte Stunde – Andreas Salcher

Wie viel Leben bleibt eigentlich noch übrig?

Dieses Buch hat mich vor allem durch eine ganz einfache Übung beeindruckt.

Im Buch befindet sich ein langer Papierstreifen. Er ist 100 Zentimeter lang und steht sinnbildlich für unsere Lebenszeit.

Am hinteren Ende orientiert man sich an einer durchschnittlichen Lebenserwartung – ungefähr 80 Jahre für Männer und 85 Jahre für Frauen. Am vorderen Ende reißt man entsprechend dem eigenen Alter ein Stück ab.

Und was übrig bleibt, ist die Zeit, die statistisch gesehen noch vor einem liegen könnte.


Natürlich weiß niemand, wie lange er tatsächlich lebt. Vielleicht werden wir viel älter. Vielleicht haben wir auch weniger Zeit.

Aber genau darum geht es.

Plötzlich ist unsere Lebenszeit nicht mehr nur eine abstrakte Zahl.

Sie liegt als kleines Stück Papier vor uns.

Und ich finde, das ist unglaublich eindrücklich.

Wir wissen theoretisch, dass unser Leben endlich ist. Aber wenn wir sehen, wie kurz dieses verbleibende Stück Papier ist, bekommt diese Erkenntnis eine ganz andere Bedeutung.

Wie viel Zeit verbringen wir mit Dingen, die uns eigentlich gar nicht wichtig sind?

Wie oft ärgern wir uns über Kleinigkeiten?

Wie viele Stunden verbringen wir damit, uns Sorgen über Dinge zu machen, die vielleicht niemals eintreten?

Und wie oft verschieben wir das, was uns wirklich am Herzen liegt?

Andreas Salcher beschäftigt sich in Meine letzte Stunde mit unserer Endlichkeit und damit, was sie uns über das Leben lehren kann.

Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist, dass es nicht darum geht, Angst vor dem Tod zu haben.

Es geht darum, bewusster zu leben.

Denn vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht, wie viele Jahre uns noch bleiben.

Sondern wie wir die Jahre verbringen, die wir haben.


2. 25 letzte Sommer – Stephan Schäfer

Warum sind wir eigentlich immer so beschäftigt?

Schon der Titel dieses Romans lässt mich innehalten.

25 letzte Sommer.

Wie viele Sommer erleben wir eigentlich noch?

Wie viele Sonnenuntergänge am See? Wie viele gemeinsame Abende mit Freunden? Wie viele Reisen, Gespräche oder ganz gewöhnliche Tage?

Natürlich wissen wir das nicht.

Und trotzdem tun wir oft so, als hätten wir für all diese Dinge später noch genügend Zeit.

In Stephan Schäfers Roman 25 letzte Sommer begegnen sich zwei Menschen, die ganz unterschiedlich leben.

Der eine ist ständig beschäftigt. Sein Alltag besteht aus Terminen, Verpflichtungen und dem Gefühl, immer noch etwas erledigen zu müssen.

Der andere führt ein einfacheres Leben und hat einen ganz anderen Zugang zu Zeit und Zufriedenheit.

Aus dieser Begegnung entsteht eine Geschichte über das, was im Leben wirklich zählt.

Und darüber, wie leicht wir uns in unserem eigenen Alltag verlieren können.

Ich glaube, viele von uns kennen dieses Gefühl.

Wir sind ständig beschäftigt, planen und organisieren. Und wenn wir endlich einmal Zeit haben, fällt es uns manchmal sogar schwer, einfach nichts zu tun.

Dabei sind es oft die kleinen, unspektakulären Momente, die unser Leben besonders machen.

Ein Kaffee in der Sonne.

Ein gutes Gespräch.

Ein Spaziergang ohne Ziel.

Ein Nachmittag, an dem wir nichts leisten müssen.

Gerade in unserer Gesellschaft, in der Produktivität und Erfolg so einen großen Stellenwert haben, finde ich diese Gedanken besonders wertvoll.

Vielleicht müssen wir nicht ständig mehr aus unserem Leben machen.

Vielleicht dürfen wir einfach mehr von unserem Leben mitbekommen.

Denn ein erfülltes Leben bedeutet nicht unbedingt, möglichst viel zu schaffen. Sondern das, was wir erleben, auch wirklich zu erleben.


3. 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen – Bronnie Ware

Was würden wir anders machen, wenn wir noch einmal von vorne beginnen könnten?

Über den Tod sprechen wir nicht besonders gerne.

Er gehört zwar untrennbar zum Leben, aber meistens versuchen wir, möglichst wenig darüber nachzudenken.

Dabei kann uns gerade die Auseinandersetzung mit unserer Endlichkeit unglaublich viel darüber verraten, was wirklich wichtig ist.

Die australische Autorin Bronnie Ware arbeitet in der Sterbebegleitung und beschreibt in ihrem Buch 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen Erfahrungen und Gespräche mit Menschen in ihren letzten Lebenswochen.

Dabei begegnen ihr fünf wiederkehrende Wünsche:

  1. Den Mut zu haben, das eigene Leben zu leben, anstatt sich nach den Erwartungen anderer zu richten.

  2. Nicht so viel zu arbeiten.

  3. Die eigenen Gefühle öfter auszudrücken.

  4. Freundschaften besser zu pflegen.

  5. Sich selbst mehr Freude und Glück zu erlauben.

Natürlich handelt es sich dabei um persönliche Erfahrungen aus ihrer Arbeit und nicht um eine wissenschaftliche Untersuchung darüber, was alle Menschen am Ende ihres Lebens bereuen.

Trotzdem finde ich diese fünf Gedanken unglaublich berührend.

Denn wie oft verschieben wir genau diese Dinge auf später?

Wir möchten mehr Zeit mit unseren Liebsten verbringen, aber zuerst müssen noch ein paar Dinge erledigt werden.

Wir möchten etwas verändern, aber warten auf den richtigen Moment.

Wir möchten ehrlicher sein, unsere Gefühle ausdrücken oder eine Entscheidung treffen, aber haben Angst davor, was andere darüber denken könnten.

Und manchmal sind wir so damit beschäftigt, ein Leben aufzubauen, das nach außen gut aussieht, dass wir vergessen, uns zu fragen, ob es sich für uns selbst auch richtig anfühlt.

Was mich an diesem Buch besonders beschäftigt, ist deshalb nicht der Tod.

Sondern die Frage, warum wir oft erst dann erkennen, was wirklich wichtig ist, wenn unsere Zeit knapp wird.

Wir müssen nicht erst am Ende unseres Lebens stehen, um uns zu fragen, ob wir das Leben führen, das wir wirklich leben möchten.


4. Wenn alles zusammenbricht – Pema Chödrön

Über Unsicherheit, Veränderung und die Kunst, nicht alles kontrollieren zu müssen.

Wir alle wünschen uns Sicherheit.

Wir machen Pläne, entwickeln Vorstellungen davon, wie unser Leben aussehen soll, und versuchen, möglichst viel unter Kontrolle zu behalten.

Und dann kommt das Leben dazwischen.

Etwas verändert sich.

Eine Beziehung endet.

Ein Plan funktioniert nicht.

Eine Situation entwickelt sich völlig anders als erwartet.

Unser erster Impuls ist oft, möglichst schnell wieder Sicherheit herzustellen.

Wir möchten unangenehme Gefühle loswerden, Antworten finden und am liebsten zurück zu dem Zustand, in dem noch alles in Ordnung war.

Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön zeigt in ihrem Buch Wenn alles zusammenbricht einen anderen Zugang.

Was wäre, wenn wir nicht immer sofort versuchen müssten, schwierige Erfahrungen zu beseitigen?

Wenn wir lernen könnten, auch mit Unsicherheit, Angst und Verletzlichkeit präsent zu bleiben?

Das bedeutet nicht, dass wir alles hinnehmen oder schwierige Situationen schönreden sollen.

Vielmehr geht es darum, unsere gewohnten Reaktionen zu erkennen und uns selbst auch in herausfordernden Momenten mit Mitgefühl zu begegnen.

Für mich ist das eine der wertvollsten Verbindungen zur Yogapraxis.

Denn auch auf der Yogamatte begegnen wir Widerständen.

Wir möchten eine Haltung länger halten, weiter kommen oder etwas Bestimmtes erreichen.

Manchmal wollen wir aber auch einfach nur raus aus einer unangenehmen Situation.

Yoga lädt uns ein, wahrzunehmen, was gerade da ist, ohne sofort darauf reagieren zu müssen.

Und vielleicht können wir diese Fähigkeit auch mit in unseren Alltag nehmen.

Nicht alles muss sofort gelöst werden.

Nicht jede Unsicherheit muss verschwinden.

Und nicht jede Veränderung bedeutet, dass etwas falsch läuft.

Vielleicht beginnt Loslassen genau dort, wo wir aufhören, alles kontrollieren zu wollen.


Was diese vier Bücher gemeinsam haben

Auf den ersten Blick sind diese Bücher ganz unterschiedlich.

Andreas Salcher macht unsere begrenzte Lebenszeit mit einem einfachen Stück Papier greifbar.

Stephan Schäfer erinnert uns daran, wie schnell unsere Zeit vergeht, wenn wir ständig mit dem nächsten Ziel beschäftigt sind.

Bronnie Ware zeigt uns anhand persönlicher Erfahrungen aus der Sterbebegleitung, welche Dinge Menschen rückblickend besonders wichtig erscheinen.

Und Pema Chödrön lädt uns dazu ein, Veränderung und Unsicherheit nicht immer als etwas zu betrachten, gegen das wir ankämpfen müssen.

Doch für mich verbindet sie ein gemeinsamer Gedanke:

Wir können nicht alles kontrollieren. Wir können nicht alles festhalten. Und wir haben nicht unendlich viel Zeit.

Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas ernüchternd.

Aber ich finde, darin liegt auch unglaublich viel Freiheit.

Denn wenn wir akzeptieren, dass sich alles verändert, müssen wir nicht mehr so krampfhaft versuchen, alles beim Alten zu halten.

Wenn wir erkennen, dass unsere Zeit begrenzt ist, können wir bewusster entscheiden, womit und mit wem wir sie verbringen.

Und wenn wir verstehen, dass ein erfülltes Leben nicht unbedingt von äußeren Erfolgen abhängt, dürfen wir vielleicht ein bisschen weniger leisten und ein bisschen mehr leben.

In der buddhistischen Philosophie begegnet uns dafür der Begriff Anicca – Vergänglichkeit.

Alles, was entsteht, verändert sich.

Unser Körper.

Unsere Gedanken.

Unsere Gefühle.

Unsere Beziehungen.

Auch die schönsten Momente.

Und vielleicht macht genau das sie so kostbar.

Ich finde, wir müssen nicht ständig über den Tod nachdenken, um bewusster zu leben.

Aber vielleicht tut es uns manchmal gut, uns daran zu erinnern, dass unsere Zeit hier nicht unbegrenzt ist.

Nicht, um Angst zu bekommen.

Sondern um das Leben mehr zu schätzen.

Vielleicht ist es der Mensch, dem wir schon lange sagen möchten, wie viel er uns bedeutet.

Vielleicht ist es die Reise, die wir immer wieder auf später verschieben.

Vielleicht ist es aber auch einfach ein ganz gewöhnlicher Tag, den wir ein bisschen bewusster erleben.

Und vielleicht müssen wir gar nicht unser ganzes Leben verändern.

Vielleicht genügt es, heute ein wenig mehr da zu sein.

Denn am Ende geht es nicht darum, wie viel Zeit wir haben. Sondern darum, wie wir sie verbringen.

For this breath. For this moment. For this life.

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