Meine größte Angst war immer mich online oder auf Videos in meiner vollen „Unperfektheit“ zu zeigen.

Angst vor negativer Bewertung, vor Beurteilung oder Zurückweisung.
Angst vor Kritik an meiner Figur, meiner Art Yoga zu unterrichten, Angst davor etwas „falsch“ anzuleiten oder nicht die perfekte Yogalehrerin zu sein. Angst als Mensch nicht genug zu sein.

Ein Foto ist immer etwas anderes, hier kann man das Beste raussuchen. Das mit dem schönsten Lächeln, oder jenes auf dem man schlanker aussieht als man vielleicht tatsächlich ist.
Doch ein Video ist nochmal ein anderes „Kaliber“.

In meinen Yogaklassen habe ich dieses Gefühl nie, hier fühle ich mich wohl gemeinsam mit meinen Yogis einfach nur zu praktizieren. Hier sind wir alle gleich, jeder ist ganz bei sich und doch sind alle zusammen. Im Yogaraum gibt es keinen Raum für Bewertung und Beurteilung.

Chance in der Krise

Als ich letzte Woche tatsächlich in dieser ganzen Krise das Studio schließen musste, fiel ich – wie wir alle wahrscheinlich – erstmal in ein Loch. Fragen über Fragen schwirrten (und schwirren noch immer) durch meinen Kopf: Wie geht es weiter? Wie lang dauert das Ganze? Was passiert jetzt mit meinen Yogaklassen? Geht alles was ich aufgebaut habe den Bach runter? Wie kann dich die weiterlaufenden Kosten wie Miete usw. bestreiten?
Muss ich Angst um meine Existenz haben?

Daraus sind nun die Online Yoga Youtube Videos entstanden.
Raus aus der Angst, rein ins Tun. War schon nach meiner Kündigung in der Bank vor 6 Jahren die beste Medizin. Das heißt nicht dass jetzt in dieser herausfordernden Zeit alles gut ist, jeder Tag (jede Stunde?) ist ein Auf und Ab. Einmal Angst, leichte Panik, Unsicherheit, dann wieder Vertrauen, Ruhe und Gelassenheit. Es geht auch gar nicht darum immer positiv zu sein. „Feeling is healing“ wie ich euch so schön auch immer in den (Yin-) Yogaeinheiten sage. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Alles darf sein.

Ein schöner Übergang zurück zur Verletzlichkeit.
Ich glaube JETZT ist genau der richtige Zeitpunkt mich meinen Schatten zu stellen. Alte Dinge aufzuarbeiten so wie viele (inkl mir) jetzt den Keller aufräumen.

Denn wer gesehen werden will, muss sich auch zeigen

Dieser Satz von einem meiner Lehrer hab ich mir vor langer Zeit in mein Notizbuch geschrieben und er passt in jeden Lebensbereich.
So… HERE I AM!

Ich habe ganz viel unglaublich tolles Feedback von euch bekommen. Hier eine kleine Auswahl davon. Auch Kritik kam natürlich.


Es ist echt schwer für mich, mich vor der Kamera zu zeigen, zu sprechen und mich so zu zeigen wie ich bin. Und alle die mich kennen wissen, meine „Yogastimme“ ist komplett anders als meine normale.
Aber ich hänge mich hier die nächsten Tage und Wochen voll rein, um mich zu verbessern. Deshalb auch Danke für konstruktives oder auch „negatives“ Feedback. Auch daran kann man wachsen.

Ich entscheide mich für den Mut statt der Angst. Jeden Tag neu.

Duch diese Sichtbarkeit öffne ich natürlich auch den Raum für diese Bewertungen und Beurteilung, aber das Risiko ist es mir wert.

Verletzlichkeit macht Stark – über die Frau/den Mann in der Arena

An dieser Stelle ein Tipp ist die Amerikanische Wissenschaftlerin Brené Brown. Sie forscht zu Verletzlichkeit, Scham, Authentizität und innerer Stärke und hat viele tolle Bücher geschrieben. Auch ihre TED Talks sind weltbekannt und sie hat sogar eine eigene Netflix Sendung/Doku.

Brené Brown auf Netflix

Hier Brené’s TED Talk mit 13,450,844 views – auf der Ted.com Seite könnt ihr Deutsche Untertitel einstellen

Was heißt überhaupt Verletztlichkeit

Brené Brown meint damit, sich trotz aller Ängste und Zweifel mutig zu zeigen und in die „Arena“ zu treten, wie sie so schön sagt, wo möglicherweise Kritik und Bewertung auf uns warten. Man macht sich also verletzlich. Sie deckt aber auch auf, wie wichtig es ist, sich verletzlich zu zeigen, um Großes zu wagen.
Und sie empfiehlt Kritik nur von jemand wertschätzend anzunehmen, der selbst „In der Arena steht“, der sich selbst auch zeigt, verletzlich ist und mutig etwas ausprobiert. Nicht jene Kritik die nur von den feigen Rängen im Publikum kommt, von jenen die noch nie in ihrem Leben etwas gewagt haben.

Theodor Roosevelt – Man in the Arena

„Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist

oder wo der, der Taten vollbracht hat, sie hätte besser machen können.

Die Anerkennung gebührt dem,  der wirklich in der Arena ist;

dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut;

der tapfer strebt;

der irrt

und wieder und wieder

scheitert,

denn es gibt keine Anstrengung ohne Irrtum und Fehler;

der jedoch wirklich danach strebt,  die Taten zu vollbringen;

der die große Begeisterung kennt,

die große Hingabe,

und sich an einer würdigen Sache verausgabt;

der, im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt;

und der,

im schlechtesten Fall,

wenn er scheitert,

zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat,

so dass sein Platz niemals bei den kalten und furchtsamen Seelen sein wird,

die weder Sieg noch Niederlage kennen.“

Habe den Mut unperfekt zu sein

Abschließend noch ein paar Worte über den Perfektionismus.

Meistens sind es nämlich auch Schutzschilde wie vor allem der Perfektionismus, emotionale Betäubung oder der Mechanismus, der eigenen Freude nicht zu trauen, die uns vor Verletzlichkeit schützen, wie Brene Brown schreibt.

Unser Streben nach Perfektion und Unverwundbarkeit ist zwar menschlich, diese Schutzschilde gehen aber auf Kosten unserer Lebendigkeit.

Verletzlichkeit hingegen ist das Herzstück menschlicher Erfahrungen. Und die Geburtsstätte von Liebe, Zugehörigkeit, Freude, Mut, Empathie und Kreativität.

Perfektionismus ist ein selbstzerstörerisches und suchtartiges Glaubenssystem, das dem zugrunde liegenden Gedanken Nahrung gibt: ‘Wenn ich perfekt aussehe und alles perfekt mache, kann ich die schmerzbesetzten Gefühle von Scham, Beurteilung und Tadel vermeiden oder minimieren.’
– Perfektionismus ist selbstzerstörerisch, einfach weil es keine Perfektion gibt. Sie ist ein unerreichbares Ziel.

Bei Perfektionismus geht es eher darum, wie wir wahr genommen werden, als um unsere innere Motivation, und es gibt keine Möglichkeit, diese Wahrnehmung zu kontrollieren, ganz gleich, wie viel Zeit und Energie wir auf den Versuch auch verwenden mögen.
– Perfektionismus hat Suchtpotential, denn sobald wir irgendwann – was unweigerlich geschieht – Scham empfinden, beurteilt und getadelt werden, glauben wir, das läge an unserer mangelnden Perfektion. Statt die falsche Logik des Perfektionismus in Frage zu stellen, verbeißen wir uns noch mehr in das Bestreben, ‘richtig’ auszusehen und alles ‘richtig’ zu machen.“ Brené Brown

Deshalb, wähle immer wieder den Mut statt der Angst.
Habe den Mut unperfekt zu sein.


Auch für mich ist das Ganze ein Weg, ein ständiges sich motivieren und sich immer wieder neu zeigen. Eine ständige Herausforderung, ein täglicher „Kampf“ gegen die Angst und gegen Perfektion. Stattdessen jeden Tag immer aufs Neue sich mutig in das Leben stürzen.

Vielleicht kann ich dir ein kleines Vorbild sein. Wenn ich mich traue, mich in meiner Unvollkommenheit zu zeigen, kannst du das Allemal.
In deiner Beziehung, in deiner Arbeit, in deiner Familie, in der Gesellschaft oder wo auch immer.

Lass uns gemeinsam mutig sein,
Alles Liebe

Photo by Miguel Bruna on Unsplash